• Was, wenn die Bibel lügt?

Im zweiten Buch Samuel steht eine höchst problematische Bemerkung, die an der Glaubwürdigkeit und Göttlichkeit der Bibel zweifeln lässt.

Wir lesen in 2. Samuel Kapitel 8:

15 Also ward David König über ganz Israel, und er schaffte Recht und Gerechtigkeit allem Volk. 

16 Joab, der Sohn Zerujas, war über das Heer; Josaphat aber, der Sohn Ahiluds, war Kanzler;

17 Zadok, der Sohn Ahitobs, und Ahimelech, der Sohn Abjathars, waren Priester; Seraja war Schreiber;

18 Benaja, der Sohn Jojodas, war über die Krethi und Plethi; und die Söhne Davids waren Priester. (2.Sam 8,15-18 LUT1545)

Zwischen dem ersten und letzten Satz besteht ein unlösbarer Widerspruch. Denn ein König, der Recht und Gerechtigkeit allem Volk verschafft, der kennt und hält das Gesetz. Nach dem Gesetz Moses durften aber nur Leviten Priester sein (Hebr 7,5; Ex 28,1-3. 30,30; Num 3,3 usw). Wenn man die Bücher Moses genau liest, dann erkennt man sogar eine noch größere Einschränkung: Gott hatte nicht einmal allen Leviten erlaubt Priester zu sein, sondern nur einer Sippe daraus, nämlich den Söhnen Aarons! Alle anderen Sippen der Leviten sollten nur Hilfskräfte der Priester sein (Num 3,9).

Leviten kommen aus dem Stamm Levi. Die Söhne Davids waren aber genauso wie David aus dem Stamm Juda und daher keine Leviten! Niemandem aus dem Stamm Juda erlaubt das Gesetz Moses je Priester zu sein. Das weiß auch noch der Schriftgelehrte Paulus und betont es im Neuen Testament (Hebr 7,14). Natürlich wusste das auch schon David. Er kannte das Gesetz Moses gut und besang in vielen Psalmen, wie sehr er es liebte, befolgte und darüber nachdachte. Er hätte also - wenn er ein gerechter König war - seinen Söhnen nie erlaubt Priester zu werden. Außerdem war es bei Todesstrafe jedem Nicht-Leviten verboten, sich dem heiligen Zelt, der Stiftshütte, auch nur zu nähern (Num 1,51. 3,38)! Wie hätte da ein Sohn Davids je überleben können, wenn er die Stiftshütte betreten hätte, um Priester zu sein? Gott hat sogar Leviten getötet, die heilige Vorschriften nicht penibel genau einhielten (z.B. Num 26,51). Wie dann erst Nicht-Leviten?! Es wäre nicht nur ungesetzlich gewesen, sondern ein Sakrileg, eine Gotteslästerung, wenn jemand aus dem Stamm Juda sich ein Priesteramt anmaßte. Und dann sollten wirklich alle Söhne Davids offiziell Priester gewesen sein? Wie passt denn das?

Hinzu kommt, dass wir die Biographie einiger Söhne Davids gut kennen. Keiner von ihnen war Priester. Die Aussage „die Söhne Davids waren Priester“ aus 2.Sam 8,18 steht also nicht nur im Konflikt mit dem Gesetz Moses und stellt nicht nur eine Gotteslästerung dar, sondern ist auch noch schlicht und einfach historisch falsch. Sie widerspricht sträflich dem Rest der Schrift. Darf so etwas in der heiligen Schrift stehen? Inspiriert so etwas der Heilige Geist? Viele Menschen verwirrt das und stößt es ab. Sie zweifeln an der Göttlichkeit solcher Aussagen in der Bibel. Zu Recht. Denn der Geist der Wahrheit (Joh 14,17), der Heilige Geist, ist selbstverständlich kein Lügengeist!

Das Problem erkennen auch manche Bibelübersetzer. Sie stecken aber in der Situation fest, einen hebräischen Text vor sich zu haben, dem sie vertrauen. Dort steht in Vers 18 tatsächlich dasselbe Wort wie in Vers 17, nämlich כּהן (kôhên), und das heißt nunmal Priester. Wollen sie das Wort kôhên in Vers 18 anders deuten als in Vers 17 (was manche dann auch wirklich versuchen), so übersetzen sie nicht nur unredlich, sondern schaffen damit auch noch einen Konflikt innerhalb von zwei Versen. Besonders fragwürdig tut sich hier die Schlachter 2000 hervor. Sie übersetzt das Wort kôhên in Vers 18 mit „Minister“ und schreibt in der Fußnote dazu:

wörtlich Priester, hier Bezeichnung für einen hochrangigen Beamten des Königs (die Grundbedeutung des hebr. Kohen war »Der [vor einem Höheren] Stehende« = »Diener«).

Fußnote der Schlachter 2000 zu 2.Sam 8,18

Das ist aber eine nicht haltbare Behauptung. Denn das hebräische Wort für „Priester“ bezeichnete nie einen Mann, der vor einem König steht, sondern stets einen, der vor Gott steht! Der König David war kein Gott! Der Palast des Königs ist kein Tempel! Priester sind überdies in allen Kulturen und Religionen immer ausschließlich in Heiligtümern wie Tempel o.ä. tätig und stehen dort vor Gottheiten, nicht aber in Palästen vor Königen. Priester sind nicht Diener des Königs, sondern Diener Gottes. Der  „Höhere“ über einem Priester war der Hohepriester und darüber Gott. Zumindest war das in Israel damals so. „Minister“ ist in dem Kontext sicherlich keine zulässige Alternative für „Priester“.

Das Problem liegt hier - wie so oft - nicht an der Übersetzung, sondern am Grundtext. Denn im Masoretentext (MT) steht an der Stelle unleugbar „Priester“. Bibeln, die dem MT folgen, müssen „Priester“ schreiben, ob sie wollen oder nicht. Als einziger Ausweg bleibt nur, dass sie den Masoretentext verlassen und zur Septuaginta (LXX) hinüberwechseln. Dort steht der gegenständliche Absatz so:

15 Und David war König über Israel, und David verwirklichte Recht und Gerechtigkeit über sein ganzes Volk.

16 Und Joab, Seruias Sohn, war über das Heer gesetzt, und Josaphat, ein Sohn Achias, über die (öffentlichen) Aufzeichnungen,

17 und Sadduk, der Sohn des Achitob, und Achimelech, der Sohn Abiathars, waren Priester, und Asa der Schreiber

18 und Banaias, der Sohn des Jodae, war Berater, und der Cheleththi und der Pheletti; und die Söhne Davids waren Hofmeister.

(2.Kön 8, 15-18 Septuaginta Deutsch)

Im griechischen Alten Testament, der Septuaginta, steht in Vers 17 das Wort ἱερεύς (hiereus), das ist der Priester. In Vers 18 jedoch steht ein ganz anderes, spezielles Wort: αυλάρχαι. Wir finden es sonst nirgendwo in der Schrift. Es setzt sich aus zwei Teilen zusammen: 

  1. αὐλή (aule): Hof, Palast.
  2. ἄρχων (archon): Herrscher, Führer, Kommandant.

In der Zusammensetzung heißt es also „Palastkommandant“ oder „Hofführer“. Wir würden heute Hofmarschall sagen oder Hofmeister. Die Septuaginta Deutsch übersetzt das korrekt mit Hofmeister. Ein Minister ist das aber nicht.

Manche Bibeln schauen tatsächlich zur Septuaginta, wie sie das auch bei anderen fragwürdigen Stellen im Masoretentext machen, und schreiben dann an der Stelle „Krondiener“ anstatt „Priester“. Aber sie machen es leider meist heimlich und verschweigen gern, dass die LXX überlegen stimmig ist (auch an anderen Stellen dieses Abschnitts, auf die wir hier aber nicht näher eingehen), während der MT hier falsch und häretisch ist.

Der masoretische herbräische Text erweist sich an dieser Stelle erneut als ein menschliches Machwerk, das sogar nach menschlichen Kriterien unsinnig ist. Denn wozu werden in Vers 17 eigens die amtierenden Priester angeführt, wenn im nächsten Vers ganz andere offizielle Priester bekanntgegeben werden sollen? Das macht keinen Sinn. Kein Chronist würde das so anlegen. In der Septuaginta passt hingegen alles wunderbar und flüssig zusammen: Es werden der Reihe nach alle Ämter mit Namen dokumentiert, in Vers 17 die amtierenden Priester (die selbstverständlich Leviten waren), und im nächsten Vers 18 die Berater und Hofmeister des Königs. So werden saubere Chroniken geschrieben. Und so stand es im Alten Testament schon tausend Jahre vor den Masoreten. Die LXX bezeugt das.

Fazit:

Das Wort Gottes lügt nicht. Aber die Wahrheit hat uns Gott bis heute nicht auf Hebräisch erhalten, sondern auf Griechisch. Für das AT in der Septuaginta, die ja die autorisierte griechische Übersetzung (und daher Bewahrung) des hebräischen Originaltextes Jahrhunderte vor Christus ist. Der Originaltext hingegen ging verloren. Gott wusste das im Voraus und hat vorgesorgt. Daher ist es weder ein Unfall, noch ein Zufall, dass Gottes Sohn und Seine Apostel stets die Septuaginta zitierten. Wir zeigen das in vielen Beiträgen (z.B. hier und hier und hier und hier).

Die Eingangsfrage ist also eindeutig mit Nein zu beantworten. Nein, die Söhne Davids waren keine Priester. Und nein, das stand auch nicht ursprünglich im Alten Testament, wie ein Blick in die Septuaginta beweist. Erst Jahrhunderte nach Christus finden wir Textversionen, die an dieser Stelle behaupten, dass die Söhne Davids Priester waren. Und das ist, wie bereits ausführlich dargelegt, schlicht und einfach falsch.

Wenn man widersprüchliche Aussagen in der Schrift findet, deutet das immer auf menschliches Versagen hin. Und oft führt es zu den Masoreten.