Was blüht uns, wenn wir den vollen Eifer haben, aber nicht die volle Erkenntnis?
Im Römerbrief offenbart Paulus seinen Herzenswunsch für Israel:
Brüder, woran mein Herz Wohlgefallen hat und wofür ich zu Gott für Israel flehe, das ist: Rettung.
Doch gleich im nächsten Atemzug stellt Paulus den Juden ein ambivalentes Zeugnis aus:
Denn ich gebe ihnen Zeugnis, dass sie Eifer für Gott haben, jedoch nicht nach Erkenntnis.
Chrysostomus schildert uns das Dilemma des Paulus so:
Nicht allein hier, sondern auch im folgenden legt er die wohlwollende Gesinnung an den Tag, die er für sie hegt. Er ist eifrig bemüht, soweit es nur angeht, seine Anklagen zu mildern, und sucht überall, auch nur einen Schatten von Entschuldigung für sie zu finden. Aber es gelingt ihm nicht; er wird von der Wucht der Tatsachen besiegt.
Was ist nun diese „Wucht der Tatsachen“? Paulus selbst begründet sein Zeugnis über Israel so:
Denn als solche, die die Gerechtigkeit Gottes nicht kannten und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachteten, unterordneten sie sich nicht der Gerechtigkeit Gottes.
(Röm 10,3)
Tertullian erklärt:
Weshalb bringt der Apostel dann aber ein Zeugnis für ihren Eifer gegenüber ihrem eigenen Gott vor? Dies ist nur möglich, wenn er ihnen zugleich fehlende Erkenntnis gegenüber demselben Gott vorwirft, weil sie sich zwar durch den Eifer für Gott motivieren ließen, aber „nicht aufgrund von Erkenntnis“ (Röm 10,2), weil sie Ihn also (in Wirklichkeit) nicht kannten, da sie ja die Erfüllung Seiner Ordnungen in Christus, welcher die Vollendung für das Gesetz realisieren sollte, nicht kannten und deshalb ihre eigene Gerechtigkeit gegen Christus einhielten. Und der Schöpfer bezeugt doch selbst so sehr auch deren fehlende Erkenntnis Ihm gegenüber: „Israel hat mich nicht erkannt, und mein Volk hat mich nicht verstanden“ (Jes 1,3), und Er bezeugt, dass sie eher ihre eigene Gerechtigkeit aufrichteten, „da sie Vorschriften von Menschen als ihre Lehren vorbrachten“ (Jes 29,13; vgl. Mt 15,9; Mk 7,7; Kol 2,22), und dass „sie“ darüber hinaus auch „gegen den Herrn und gegen Seinen Christus zusammengekommen waren“ (Ps 2,2) - offensichtlich aufgrund fehlender Erkenntnis.
(Tertullian, Gegen Marcion (HERDER), Band IV, Buch 5.14, 6.-8., S. 1023-1025.)
Was hat das aber nun mit dem Herzenswunsch von Paulus und mit der fehlender Erkenntnis der Juden zu tun? Erstens weiß der Apostel aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, diesen Eifer zu haben, aber nicht nach Erkenntnis. Paulus beschreibt sich selbst, wie er früher mal war, so:
Im Hinblick auf den Eifer ein Verfolger der Gemeinde.
Den Rest führt Origenes aus:
Obwohl sie [die Juden], sagt er [Paulus], in so viele und so große Übel ihrer Sünden verstrickt sind, haben sie einen unbeschreibbar großen Eifer für Gott. Dieser Grund hat mich bewogen, für sie zu Gott zu flehen, daß sie irgendwann wenigstens am Ende zum Heil gelangen. Sie haben ja Eifer für Gott, doch nicht der Einsicht entsprechend. Paulus weist nach, auf welche Weise sie den Eifer für Gott nicht der Einsicht entsprechend haben. Er sagt: „Weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkennen“, folgen sie ihrer Gerechtigkeit. Es nützt also nicht viel, Eifer für Gott zu haben, wenn man nicht die entsprechende Einsicht hat.
Schließlich wurden die Juden, die meinten, aus Eifer für Gott zu handeln, zu Lästerern gegen den Sohn Gottes, denn sie eiferten nicht entsprechend der Einsicht wie Pinhas, der Sohn des Eleasar, der entsprechend seiner Einsicht eiferte und die Midianiterin zugleich mit dem Israeliten tötete, der mit ihr Unzucht beging (vgl. Num 25,7f), auch nicht wie Elija, der sprach: „Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich für den Herrn, den allmächtigen Gott Israels, eingetreten, weil die Söhne Israels dich verlassen, deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört haben“ (1. Kön [LXX: 3. Kön] 19,10). Die Juden eiferten auch nicht wie Mattatias, von dem im ersten Makkabäerbuch geschrieben steht: „Er eiferte für das Gesetz Gottes, seine Eingeweide erbebten, und sein Zorn entbrannte, wie es recht war“ (1. Makk 2,24).
Der Eifer all dieser Genannten war ein Eifer der Einsicht entsprechend. Dagegen war der Eifer der Juden nicht der Einsicht entsprechend, und zwar deshalb, weil sie die Gerechtigkeit Gottes nicht erkannten und versuchten, ihre eigene, das heißt die Gerechtigkeit, die den Menschen als solche erschien, zu erfüllen. Dabei hätten sie mit Sicherheit eher der Gerechtigkeit Gottes, die Christus ist (vgl. 1. Kor 1,30), gehorchen sollen.
(Origenes, Römerbriefkommentar (HERDER), IV, 8.1 zu Röm 10,1-3, S. 191-193)
Das Wort, das der Herder-Verlag hier mit „Einsicht“ übersetzt, übersetzen die meisten deutschen Bibeln mit „Erkenntnis“. Es geht um das griechische Wort epignosis, das Paulus an dieser Stelle schreibt. Es wäre mit „Einsicht“ recht treffend übersetzt. Weil es bedeutet eigentlich viel mehr als nur irgendeine persönliche, individuelle, oberflächliche Erkenntnis, denn das wäre das Wort gnosis, das Paulus ebenfalls kennt und an anderen Stellen verwendet. Hier jedoch schreibt er epignosis, was in Wahrheit viel weiter geht. Es meint die volle, tiefe oder allumfassende Erkenntnis – und diese kommt in der Schrift immer von Gott. Leider unterscheiden die meisten Bibelübersetzer nicht zwischen gnosis und epignosis, sondern übersetzen beide Begriffe mit „Erkenntnis“. Somit ist der Unterschied verwischt und die Leser können nicht mehr zwischen gnosis und epignosis unterscheiden. Beide Worte stammen übrigens aus dem griechischen Alten Testament, der Septuaginta. Dort gibt es eine Schlüsselstelle, wo beide Worte nebeneinander vorkommen. Es ist jene Anklage, die Gott durch den Prophet Hosea gegen Sein Volk spricht:
Mein Volk ist einem gleichgemacht worden, der keine Kenntnis (gnosis) hat. Denn du hast die Erkenntnis (epignosis) verworfen. Auch ich will dich verwerfen, sodass du mir nicht mehr Priester bist. Und du hast das Gesetz deines Gottes vergessen. Auch ich will deine Kinder vergessen.
(Hos 4,6 Septuaginta Deutsch)
Besser bekannt ist den meisten Bibellesern heute der Wortlaut vom Masoretentext:
Mein Volk geht zugrunde aus Mangel an Erkenntnis; denn du hast die Erkenntnis verworfen, darum will ich auch dich verwerfen, dass du nicht mehr mein Priester seist; und weil du das Gesetz deines Gottes vergessen hast, will auch ich deine Kinder vergessen!
Das Volk Gottes hat also die epignosis (Erkenntnis, Einsicht) von Gott verworfen. Darum will Gott sie verwerfen und sie ihres Priesterstandes entheben.
Origenes versteht das jedoch nicht nur als Gottes Anklage und Prophetie gegen das alte Volk Gottes, sondern auch als eine in Richtung des neuen Volkes Gottes; ebenso wie die Worte von Paulus. Und so setzt er seine Erläuterung von oben fort:
Doch muß man jetzt erkennen, daß dieses Wort wahrscheinlich nicht für sie allein gesagt ist, nämlich, daß „sie Eifer für Gott haben, aber nicht der Einsicht entsprechend“. Ähnlich kann der Apostel nämlich auch von anderen sprechen: „Ich bezeuge ihnen“, daß sie Gottesfurcht haben, aber nicht der Einsicht entsprechend, und von anderen, daß sie Gottesliebe haben, aber nicht der Einsicht entsprechend.
Jemand kann nämlich etwas für Gott empfinden, aber nicht begreifen, daß die Liebe geduldig sein muß, gütig, nicht neidisch, nicht Unrecht verursachend, nicht aufgeblasen, nicht ehrgeizig, nicht das Ihre suchend (vgl. 1. Kor 13,4f). Wer also dies und ähnliches nicht hat in seiner Liebe, sondern Gott nur mit einer Gefühlsregung liebt, zu dem kann man passend sagen, daß er Gottesliebe hat, aber nicht der Einsicht entsprechend.
Ähnlich kann man auch von einem anderen sagen, daß er Glauben an Gott hat, aber nicht der Einsicht entsprechend, wenn er nicht begreift, daß „der Glaube ohne Werke tot ist“ (Jak 2,20) und daß der Glaube an Gott nicht nur in Worten besteht, die man von einem anderen, der sie verfaßt und aufgeschrieben hat, lernt, sondern in einer Regung des Geistes, und zwar einer Regung, wie sie die Frau hatte, die bei sich sprach: „Wenn ich auch nur den Saum seines Gewandes berühre, bin ich geheilt“ (Mt 9,21). Wenn jemand also nicht so glaubt, daß er aufgrund seiner guten Werke deutlich macht, wem er glaubt, dann kann auch zu ihm gesagt werden, daß er Glauben an Gott hat, aber nicht der Einsicht entsprechend.
Von einem anderen kann man sagen, daß er in Keuschheit für Gott lebt, aber nicht der Einsicht entsprechend.
Ein anderer nimmt sich der Armen an, aber nicht der Einsicht entsprechend, wenn er nämlich von den Menschen gelobt werden will (vgl. Mt 6,2).
Ein anderer kann als enthaltsam bezeichnet werden, aber nicht der Einsicht entsprechend, wenn er deshalb fastet, damit die Menschen es merken (vgl. Mt 6,16).
Und so kann bei allem, was wir tun, wenn wir nicht der Einsicht und Vernunft gemäß handeln, auch zu uns gesagt werden, daß wir Eifer haben, das Gute zu tun, aber nicht der Einsicht entsprechend. Darum müssen wir uns vor allem um die Einsicht bemühen, damit uns nicht das Unglück zustößt, daß wir als Glaubende das Ziel des Glaubens verfehlen und bei unserem Eifer für das Gute vom Guten abkommen.
(Origenes, Römerbriefkommentar (HERDER), IV, 8.1 zu Röm 10,1-3, S. 193-195).