Die Bedeutung dieses herausragenden Apologeten und fruchtbaren Autors des frühen Christentums wird heute oft verkannt.
Er war der begabteste Apologet der frühen Kirche und weil er auf Latein schrieb – und noch dazu nicht gerade wenig (heute sind uns von ihm noch über 35 Bücher erhalten) –, war er der einflussreichste Gestalter des frühen westlichen Christentums. Er war ein scharfsinniger Beobachter und Analytiker der Traditionen und Fehlentwicklungen seiner Zeit und zog dagegen gekonnt mit dem Wort Gottes als Waffenrüstung in den Kampf. Er ist berühmt für seine strenge Sitten- und Morallehre, seine theologischen Abhandlungen über wesentliche christliche Lehren, und seine zahlreichen Schriften gegen diverse Irrlehrer.
Obwohl Tertullian seine Werke auf Latein schrieb, las und kannte er den Originaltext der Heiligen Schrift auf Griechisch, das er exzellent beherrschte. Eine offizielle Lateinische Bibel gab es noch nicht zu seiner Zeit. Mit der Erstellung der Vulgata wurde ja erst mehr als 100 Jahre nach Tertullians Tod begonnen. Aber es gab auch schon zu Tertullians Zeit einige regionale altlateinische Übersetzungen, die er zitieren konnte. In vielen Fällen wirkte er, der ein ausgezeichneter Rhetoriker und hochgebildeter Schriftgelehrter war, selbst als Übersetzer und arbeitete mit eigenen Bibelübersetzungen auf Latein.
Tertullian prägte markante Zitate wie:
Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.
Tertullian Apologetikum (BKV), Kap 50
Das ist ganz sicher, weil es unmöglich ist.
Tertullian Über den Leib Christi. (BKV) Kap 5
„Die Christen vor den Löwen!“ So viele vor einen?!
Tertullian Apologetikum (BKV) Kap 40
Aber unser Herr Christus sagte „Ich bin die Wahrheit“ und nicht „Ich bin die Gewohnheit“.
Tertullian, Über die Kopfbedeckung der Jungfrauen (DLDA), 1,2
Unwissenheit aber ist immer ein Fehler des Unwissenden selbst. Er hätte suchen müssen, was er nicht wusste, und festhalten, was er erkannt hatte.
Tertullian, Über die Kopfbedeckung der Jungfrauen (DLDA), 1,3
Nirgends gibt es leichtere Beförderung als im Lager der Rebellen, wo bloß sich aufzuhalten schon als Verdienst gilt.
Tertullian, Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (BKV), 41. Kap.
Wenn manche das Gewicht der Taufe verstünden, würden sie eher deren Empfang fürchten als deren Aufschub.
Tertullian, Über die Taufe (DLDA), 18,6
Später schloss sich Tertullian den Montanisten an, einer radikal-enthusiastischen Sekte, die in ihrer Lehre durchaus rechtgläubig war, aber eine asketische Lebensweise forderte, die über die Lehre der Apostel hinaus geht. Sie waren umstritten im Christentum. Aus dieser Perspektive muss man seine späteren Schriften vorsichtig lesen, etwa zu Themen wie Keuschheit und Ehe. Das und der Umstand, dass er zwei Jahrhunderte später von Hieronymus arg im Ruf geschädigt wurde, führte dazu, dass Tertullian heute in keiner Kirche als Heiliger verehrt wird und seine Schriften wenig Beachtung finden, was sehr schade ist, denn er war einer der letzten rechtgläubigen Lehrer, die gegen den Abfall von der gesunden Lehre der Apostel lehrten bevor er eintrat. Er betonte stets, dass er die Gemeinden, die von den Aposteln gegründet und unterwiesen wurden, noch persönlich kannte und sich an deren Praxis hielt - etwa in Bezug auf die Taufe (siehe Über die Taufe), die Kopfbedeckung beim Beten und Weissagen (siehe Über die Kopfbedeckung der Jungfrauen) und alle anderen urchristlichen Anwendungen der Lehre, die er in seinen Büchern verteidigte:
Wir stehen mit den apostolischen Kirchen in Gemeinschaft, was bei keinem einzigen der uns entgegenstehenden Lehrsysteme der Fall ist. Das ist das Zeugnis für die Wahrheit.
Tertullian (160-220) De praescriptione haereticorum Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (BKV), 21. Kap.
Das war für andere Lehrer leider nicht mehr bindend, sie gingen andere Wege und suchten sich andere Vorbilder. Womöglich war das auch einer der Gründe, weswegen Tertullian zu den Montanisten ging, denn dort fand er noch offene Ohren. Tertullian wurde bis heute zu lange ignoriert. Es sind viele Unwahrheiten über ihn im Umlauf, denn er hatte Feinde - speziell in der späteren lateinischen Kirche, die Lehren anerkannte, die Tertullian noch wortgewaltig als Häresie verurteilte und widerlegte.
Dazu schreibt die BKV in ihrer Einleitung zu den Schriften des Tertullian:
Zweck der folgenden Einleitung in Tertullians Leben und Schriften ist, die Lebensumstände dieses Autors aus den zuverlässigen Quellen zu erheben. Als solche können einzig und allein seine eigenen Schriften gelten: Denn außer Hieronymus hat uns sonst niemand Nachrichten darüber aufbehalten. Von diesen sind aber einige offenbar falsch, da sie sich mit Tertullians eigenen Angaben nicht reimen lassen, haben aber trotzdem auf die bisherigen Darstellungen großen Einfluß ausgeübt und üben ihn noch aus zum Schaden der Sache, so daß man sagen kann, die Lebensumstände und damit der wahre Charakter des Mannes sind bisher nicht genügend erkannt und dargestellt worden.