• Können die Menschen den Weltuntergang noch verhindern?

Selbsterkenntnis ist nötig

Der du über andere richtest, sei endlich einmal auch dein eigener Richter, schau in die geheimen Winkel deines Gewissens oder vielmehr — denn man kennt ja nicht einmal mehr eine Scheu vor dem Vergehen, und man sündigt gerade so, als ob man eben durch die Sünden erst Gefallen erweckte —, der du deutlich und unverhüllt allen sichtbar bist, betrachte dich auch selbst einmal! Entweder bist du nämlich von Hochmut aufgeblasen oder aus Habsucht raubgierig oder vor Jähzorn wütend, oder es macht dich das Würfelspiel verschwenderisch oder die Trunksucht berauscht oder der Neid gehässig oder die Wollust unzüchtig oder die Grausamkeit gewalttätig. Und da wunderst du dich noch, wenn zur Bestrafung des Menschengeschlechts der Zorn Gottes immer mehr anwächst, obwohl doch die Schuld von Tag zu Tag größer wird, die Strafe verdient? Du beklagst dich darüber, daß der Feind sich erhebt, gerade als ob mitten in der Zeit der friedlichen Toga wirklicher Friede herrschen könnte, selbst wenn kein Feind da wäre. [Du beklagst dich darüber, daß der Feind sich erhebt,] gerade als ob nicht im Innern die Waffen des häuslichen Kampfes infolge der Ränke und Gewalttätigkeiten mächtiger Bürger noch wilder und schlimmer wüteten, selbst wenn draußen die gefahrdrohenden Waffen der Barbaren überwältigt würden. Über Mißwachs und Hunger klagst du, als ob die Trockenheit größere Hungersnot hervorriefe als die menschliche Habgier, als ob nicht durch künstliche Anhäufung der Getreidevorräte und Steigerung der Preise das Feuer der Not noch mächtiger emporloderte. Du klagst, daß der Himmel dem Regen verschlossen bleibt, obwohl doch so schon die Scheunen verschlossen bleiben auf Erden. Du klagst, es wachse weniger, als ob das, was schon gewachsen ist, den Dürftigen dargereicht würde. Pest und Seuche schuldigst du an, obwohl doch gerade durch die Pest und Seuche die Verbrechen der einzelnen entlarvt oder vermehrt worden sind, indem den Kranken keine Barmherzigkeit erwiesen wird und auf die Verstorbenen nur Habgier und Raub lauert. Die nämlichen, die im Dienste der Nächstenliebe so zurückhaltend sind, zeigen sich rasch entschlossen, wenn es sich um ruchlosen Gewinn handelt; sie fliehen vor dem Elend der Sterbenden und greifen hastig nach der Beute der Gestorbenen, und so wird es deutlich offenbar, daß man die Unglücklichen in ihrer Krankheit vielleicht nur deshalb im Stiche gelassen hat, damit sie ja nicht davonkommen können, wenn sie Pflege finden; denn den Untergang des Kranken hat doch der gewünscht, der über das Vermögen des Sterbenden sogleich herfällt.

Und dennoch vermag dieser gewaltige Schrecken der Heimsuchungen nicht zu einem rechtschaffenen Leben zu erziehen, und inmitten des massenhaft dahinsterbenden Volkes bedenkt niemand, daß auch er sterblich ist. Allenthalben rennt, raubt und plündert man; beim Beutemachen kennt man keine Heimlichkeit, kein Zaudern. Wie wenn es erlaubt, wie wenn es ein Muß wäre, wie wenn jeder, der nicht raubt, den Schaden und Verlust am eigenen Leibe zu fühlen hätte, so beeilt sich alles, etwas zu erbeuten. Bei wirklichen Räubern ist immerhin noch einige Scheu vor dem Verbrechen zu finden, sie wählen mit Vorliebe abgelegene Hohlwege und verlassene Einöden, und der Frevel wird dort verübt in einer Weise, daß doch wenigstens die Untat des Verbrechers in Dunkel und Nacht gehüllt ist. Die Habsucht hingegen wütet ganz offen, und gerade durch die eigene Verwegenheit gesichert, läßt sie auf offenem Markte die Waffen ihrer zügellosen Begierde sehen. Daher die Fälscher, daher die Giftmischer, daher inmitten der Stadt die Meuchelmörder, die um so leichter geneigt sind zum Sündigen, als ihre Sünde ungestraft bleibt Von dem Schuldbefleckten wird das Verbrechen verübt und da findet sich kein Schuldloser, es zu ahnden. Vor einem Ankläger oder Richter kennt man keine Furcht. Straflosigkeit genießen die Bösen, indem die Zurückhaltenden schweigen, die Mitschuldigen sich fürchten und die, welche richten sollten, sich bestechen lassen. Und deshalb wird durch den Mund des Propheten nach der Eingebung des göttlichen Geistes der wahre Sachverhalt dargelegt, deshalb wird klar und deutlich der Grund dafür gezeigt: der Herr könne nämlich die Drangsale wohl verhindern, aber die Schuld der Sünder sei die Ursache, daß er nicht zu Hilfe kommt. „Ist etwa“, sagt er, „die Hand des Herrn nicht stark genug, zu retten, oder hat er sein Ohr taub gemacht, daß er nicht höre? Nein, eure Sünden scheiden euch und Gott voneinander, und wegen eurer Vergehen wendet er sein Angesicht von euch, daß er sich nicht erbarme.“Δ Die eigenen Sünden und Vergehen also möge man erwägen, die Wunden des Gewissens möge man bedenken, und jeder einzelne soll davon ablassen, über Gott oder über uns Klage zu führen, wenn er einsieht, daß er das verdient, was er zu leiden hat.