• Können die Menschen den Weltuntergang noch verhindern?

Eine Alterserscheinung

Du hast behauptet, wir [die Christen, s. weiter unten] hätten die Schuld und uns müsse all das zugerechnet werden, was jetzt die Welt erschüttert und bedrängt, weil eure Götter von uns nicht verehrt würden.

In dieser Beziehung mußt du, der du von göttlicher Erkenntnis keine Ahnung hast und der Wahrheit ferne stehst, in erster Linie wissen, daß die Welt bereits alt geworden ist, daß sie nicht mehr in ihrer früheren Kraft steht und sich nicht mehr derselben Frische und Stärke erfreut, in der sie ehemals prangte.

Auch wenn wir schweigen und keine Belege aus den heiligen Schriften und den göttlichen Verkündigungen beibringen, so redet schon die Welt selbst eine deutliche Sprache, und sie bezeugt ihren eigenen Untergang durch den sichtlichen Verfall aller Dinge. Nicht mehr reicht im Winter des Regens Fülle aus, um die Samen zu nähren, nicht mehr stellt sich im Sommer die gewohnte Hitze ein, um das Getreide zur Reife zu bringen, nicht mehr kann sich der Frühling seiner früheren Milde rühmen, und auch der Herbst spendet uns die Früchte der Bäume nicht mehr in so reicher Menge. Weniger wird aus den durchwühlten und erschöpften Bergen an Marmorplatten gewonnen, weniger Schätze an Silber und Gold liefern die bereits ausgebeuteten Bergwerke, und die ärmlichen Adern versiegen noch mehr von Tag zu Tag. Mehr und mehr erlahmt und ermattet auf den Fluren der Landmann, auf dem Meere der Schiffer, im Felde der Soldat; es schwindet die Uneigennützigkeit auf dem Markte, die Gerechtigkeit vor Gericht, in der Freundschaft die Eintracht, in den Künsten die Fertigkeit, in den Sitten die Zucht. Glaubst du denn, etwas Alterndes könne wieder solch kräftiges Wesen annehmen, wie es früher in seiner noch frischen und üppigen Jugend zu blühen vermochte? Abnehmen muß alles, was seinem Ende schon ganz nahe ist und dem Untergang und Abschlüsse sich zuneigt. So sendet die Sonne bei ihrem Untergang Strahlen mit weniger hellem und feurigem Glänze aus, so wird des Mondes Scheibe wieder dünner, wenn sich sein Lauf dem Ende nähert und seine Hörner verblichen sind, und der Baum, der einst grün und ertragreich gewesen, wird später, wenn seine Äste verdorren, unfruchtbar und durch das Alter entstellt, und auch die Quelle, die ehedem aus überströmenden Adern reichlich hervorsprudelte, wird altersschwach und versiegt und läßt kaum mehr in kleinen Tropfen ihr Naß heraussickern. Das ist der Grundsatz, der für die Welt aufgestellt ist Das ist Gottes Gesetz, daß alles, was entstanden ist wieder vergeht, und alles, was gewachsen ist, altert, daß das Starke schwach, das Große klein wird und, wenn es dann schwach und klein geworden ist, sein Ende nimmt.

Den Christen legst du es zur Last, daß mit dem zunehmenden Alter der Welt das einzelne dahinschwindet? Wie, wenn auch die Greise es den Christen zur Last legen wollten, daß sie im Alter nicht mehr so rüstig sind, daß sie nicht mehr im gleichen Grade wie früher sich des feinen Gehörs ihrer Ohren, der Schnelligkeit der Füße, der Schärfe der Augen, der Stärke der Muskeln, der gesunden Säfte des Blutes, des mächtigen Baues der Glieder zu erfreuen haben und daß man es gegenwärtig kaum auf hundert Jahre bringen könne, während dereinst das langfristige Leben der Menschen über achthundert und neunhundert Jahre hinausging? Grauköpfe sehen wir schon unter den Knaben: die Haare fallen aus, bevor sie noch wachsen, und das Leben endet nicht mehr mit dem Greisenalter, sondern fängt gleich mit ihm an. So eilt alles, was geboren wird, noch in seinem Entstehen bereits dem Ende zu, so entartet alles, was jetzt ins Leben tritt, infolge des Alters der Welt selbst, und niemand darf sich darüber wundern, wenn das einzelne in der Welt dahinzuschwinden begonnen hat, nachdem bereits die Welt selbst als Ganzes in Verfall und Untergang begriffen ist.