Als Tertullian dieses Werk schrieb, setzte er stillschweigend voraus, dass jeder seiner Leser mit dem genauen Wortlaut des Gebotes der Kopfbedeckung, das Paulus niederschrieb (siehe links), vertraut war. Tertullian bezieht sich oft darauf, ohne es zu zitieren oder den Namen „Paulus“ zu erwähnen. Stattdessen spricht er vom „Apostel“ und „Gesetz“.
Tertullian setzte aber nicht nur voraus, dass der Text bekannt ist, sondern dass er auch von allen Christen als verbindliches Gebot des Herrn Jesus anerkannt wird. Tatsächlich traf das für seine Zeit zweifellos zu. Kein Christ wagte es, dieses Gebot grundsätzlich in Frage zu stellen. Aber es begannen erstmals einige Älteste, es teilweise zu hinterfragen. Man bezweifelte konkret, ob Jungfrauen überhaupt als „Frauen“ im Sinne des Gebotes zählen. Das war damals die einzige Streitfrage bezüglich dieses Gebotes. Tertullian zerlegt und beantwortet sie gewissenhaft in 17 Kapiteln.
Heute müsste er wohl noch einige Kapitel hinzufügen, denn heute wird so gut wie alles an diesem Gebot in Frage gestellt: Ob es überhaupt von Gott ist oder nur von einem Menschen namens Paulus? Ob es heilsnotwendig ist? Ob es wörtlich zu verstehen ist oder nur geistlich? Ob es für alle gilt oder nur für die Korinther? Ob es von der Kultur abhängt? Und so weiter. Bezeichnenderweise nahm Tertullian alle diese Fragen in seinem Werk vorweg, manche direkt, andere indirekt zwischen den Zeilen. Alle, bis auf die eine, ob es nur für die Korinther gilt, denn die hat der Apostel selbst von Anfang an beantwortet: „der Gemeinde Gottes, welche zu Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesu, berufenen Heiligen samt allen, die da anrufen den Namen unseres Herrn Jesu Christi, an jedem, so ihrem als unserem Ort.“ (1. Kor 1,2). Paulus schrieb also an alle Christen, an jedem Ort, da wie dort.
Als wir im Hauskreis dieses Werk in der Bibliothek der Kirchenväter (BKV) lasen, merkten wir bald, wie schwer es zu verstehen ist für heutige Christen. Die Ausdrücke, Formulierungen, Satzbauten und Orthografie stammen aus dem 19. Jahrhundert und führen unbedarfte Leser zu Missverständnissen und Lehrmeinungen, die nie im Sinne des Autors waren. Deshalb kamen wir rasch zu dem Entschluss, eine Übersetzung im heutigen Deutsch herauszubringen, die dem brillanten Lehrer und Rhetoriker Tertullian gerecht wird. Das Buch ist überall im Buchhandel bestellbar, oder direkt hier: Über die Kopfbedeckung der Jungfrauen.